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Interviews
Ich hielt es schlicht und ergreifend für unmöglich, als Rohköstler Leistungssport zu betreiben
31.10.2009
 Stefan Hiene, Foto: Thorsten Jochim | Stefan Hiene ist Leistungssportler und beteiligt sich auch an zahlreichen Mountainbike-Rennen. Seit 2 Jahren ernährt er sich von Rohkost und hat durch die Ernährungssumstellung nicht nur im sportlichen Bereich eine Leistungssteigerung erfahren.
Im vitavegetare-Interview vom 12.09. spricht Stefan Hiene über die Umstellungsphase zur Rohkost und beschreibt, wie er mit Hilfe einer Potluck-Gruppe dazu beitragen will, dass vegetarisches, veganes und rohes Essen selbstverständlich werden.
| vitavegetare: |
Wie bist Du zur Rohkost gekommen? Viele berichten, sie gehen den Weg vom Vegetarier über Veganer zur Rohkost. War Dein Weg ähnlich? |
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| Stefan Hiene Mein Weg war ein wenig anders. Vegetarier wurde ich 2003, ohne darüber nachzudenken. Es war für mich kein bewusster Schritt. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt keine großartigen Gedanken über meine Ernährung gemacht. Der Weg zur Rohkost war dann ein etwas längerer Prozess. Er begann 2006 und dauerte über zwei Jahre. Ich hatte mich schon lange mit gesundem Essen und Rohkost befasst, diese Ernährungsvariante aber selbst nie konsequent durchgehalten. Trotzdem habe ich anderen Ratschläge gegeben, was sie machen sollten, um gesund zu werden. Das ist natürlich viel einfacher, als es selbst zu machen. Eines Tages wollte ich nicht mehr derjenige sein, der gesunde Ernährung predigt, sie aber nicht lebt. Außerdem hatte ich meine alte Leidenschaft, den Mountainbikesport, wieder entdeckt und stellte mir die folgende Frage: Wenn die rohe, vitalstoffreiche Ernährung Kranken hilft, sich selbst zu heilen, welchen Effekt hat sie dann bei Leistungssportlern? So begann meine Rohkostreise und damit das großartigste Abenteuer meines Lebens. |
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| vitavegetare: |
Du bist passionierter Radsportler und berichtest in Deinem Blog und in Foren, dass Du Deine Leistungsfähigkeit durch die Rohkost beachtlich steigern konntest. Kannst Du uns kurz erzählen wie die Leistungssteigerung aussah nach der Umstellung auf Rohkost? |
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| Stefan Hiene, Foto: Thorsten Jochim |
Stefan Hiene Was ich bereits in der Umstellungsphase feststellen konnte, war eine deutlich schnellere Erholung und ein relativ hohes Leistungsniveau trotz äußerst geringer Trainingsumfänge. Ich bin noch nicht so leistungsfähig, wie ich mir das vorstelle, aber ich benötige fast kein Training und kann bei den Rennen trotzdem relativ weit vorne mitfahren. Anschließend erhole ich mich erstaunlich schnell von den Strapazen. Während den Trainingseinheiten und auch bei den Rennen benötige ich wenig oder gar nichts zu trinken und mein Hunger hält sich im Vergleich zu früher in bescheidenen Grenzen. Ich kann sechsstündige Trainingseinheiten absolvieren und komme dabei mit ein paar Äpfeln aus. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich im Belastungsbereich unterhalb meiner individuellen anaeroben Schwelle deutlich langsamer atme als früher.
Das Erstaunliche an meinem Versuch war aber gar nicht die Tatsache, dass Leistungssport mit Rohkost sehr gut funktioniert, sondern dass es überhaupt funktioniert! Hätte ich zu Beginn dieses Experiments Wetten abgeschlossen, ich hätte viel Geld verloren. Ich hielt es schlicht und ergreifend für unmöglich, als Rohköstler Leistungssport zu betreiben. Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich beim ersten Rennen entweder von meinem Bike falle oder als Letzter ins Ziel komme.
Es gab aber auch viele positive Veränderungen, die nicht direkt mit dem Sport zusammenhängen. Mit der Zeit wurden meine Fingernägel immer fester, meine Haut wurde reiner und mein Heuschnupfen war verschwunden. Sobald ich wieder erhitzte Milch- oder Getreideprodukte integrierte, kam der Heuschnupfen von einem Tag auf den anderen zurück. Heute geht das bei mir fast wie bei einem Schalter, den ich durch eine veränderte Nahrungsmittelauswahl umlege. Alle beschriebenen Verbesserungen geschahen so langsam, dass ich sie kaum bemerkt habe. Wenn man sich auf die Rohkost einlässt und voller Freude experimentiert, sollte man zwar Wunder erwarten ... allerdings keine, die über Nacht passieren. |
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| vitavegetare: |
Ernährst Du Dich rohköstlich gezielt aufgrund des Leistungssports, oder was sind Deine weiteren Motive für diese Ernährung? |
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| Stefan Hiene Ich habe festgestellt, dass ich die Rohkost nur dann leben kann, wenn ich entweder ein sehr starkes Motiv oder besser mehrere Motive in Kombination dafür habe. Am Anfang wollte ich einfach nur meine Frage beantworten, ob Leistungssport mit Rohkost möglich ist oder nicht? Dann dachte ich, dass mir die Rohkost helfen müsste, meine Leistung zu steigern. Währenddessen merkte ich aber, dass es viele weitere tolle Effekte gibt. Und so wurde für mich auch meine Gesundheit zum Motiv. Außerdem spüre ich auch empathische und emotionale Gründe für den Verzicht auf tierische Produkte. Ökologische Aspekte spielen ebenfalls eine Rolle. Durch die Veränderung meiner Ernährung kann ich viel mehr bewirken als zum Beispiel durch den Verzicht auf Autofahren oder Flüge. Mittlerweile haben sich aus diesen Motiven viele weitere Themen wie Permakultur, Selbstversorgung, ganzheitliche Gesundheit etc. ergeben. |
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| vitavegetare: |
Wie sieht ein typischer Speiseplan (morgens, mittags, abends) für Dich aus? |
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| Stefan Hiene Das typische an meinem Speiseplan ist, dass ich seit kurzem komplett auf das Abendessen verzichte. Ich esse nur in der Zeit von 9.00 bis 16.00 Uhr. Das ist eigentlich ein alter Trick, der sich am Körperzyklus orientiert und mir das Einschlafen zwischen 19.00 und 21.00 Uhr erleichtert. Viele langlebige Menschen berichten von ähnlichen Verhaltensweisen. Bevor ich esse, gehe ich morgens eine Stunde laufen. Zwischen 9.00 und 11.00 Uhr beginne ich in der Regel mit einem Obstsalat mit Kräutern (derzeit z.B. Brennesselsamen) oder mit einem grünen Smoothie (Banane und Brennessel, Mangold oder Spinat). Mittags trainiere ich dann auf dem Mountainbike. Wenn die Trainingseinheit nicht länger als drei Stunden ist, nehme ich selten mehr als ein paar Äpfel und einige Datteln zu mir. In der Regel esse ich nicht einmal das. Nach dem Training esse ich einen Salat mit Gurken und sonstigem saisonalen Gemüse. Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen noch mehr mit grünen Säften zu experimentieren. |
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| vitavegetare: |
Machst Du bei der Ernährung auch manchmal Ausnahmen, z.B. wenn Du eingeladen wirst oder bleibst Du konsequent bei der Rohkost? |
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| Stefan Hiene Ich lebe mein Leben, wie es sich ergibt und ich beobachte die Entwicklung. Da mein Umstellungsprozess über zwei Jahre dauerte, habe ich jede Menge Erfahrung mit allen möglichen "Ausnahmen" und "Rückfällen", die man sich vorstellen kann. Erst als ich diese "Rückfälle" nicht mehr so bezeichnete und sie einfach bewusst lebte, kam die Umstellung auf 100% Rohkost praktisch über Nacht. Ausnahmen sind für mich mittlerweile Entwicklungsschritte. Das bewusste Erleben der Ausnahme führt dazu, dass ich auch die negativen Auswirkungen in Form von leichten "Krankheitsgefühlen" wahrnehme. Da ich jetzt schon seit fünf Jahren keine Erkältung, Grippe oder ähnliches mehr hatte, bekomme ich dadurch immer weniger Lust auf Ausnahmen. Gesellschaftliche Anlässe, bei denen ich weiß, dass ich nicht widerstehen kann, lebe ich entweder sehr bewusst oder ich vermeide sie von vornherein. |
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| vitavegetare: |
Du sprichst auf Deinem Blog von "Experiment". Willst Du diese Ernährung dauerhaft beibehalten oder nur befristet? |
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| Stefan Hiene Darüber habe ich keine konkreten Vorstellungen. Für mich ist der Augenblick und der Moment entscheidend. Momentan fühlt es sich gut an und aus diesem großen Abenteuer ergeben sich plötzlich Möglichkeiten, die ich mir früher nie vorstellen hätte können. Raw Power (http://www.rawpower.de) ist für mich längst mehr als ein Ernährungsexperiment. Ich würde es eher als Bewusstseins- und Bewusstwerdungsexperiment bezeichnen, da ich meine Gefühle sehr genau beobachten muss, um festzustellen, was mir gut tut und was nicht. Außerdem ergibt sich aus der Erfahrung, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte, mit Rohkost Leistungssport zu betreiben, es aber trotzdem funktioniert hat, eine logische Konsequenz. Ich stelle mir vor, was ich derzeit ebenfalls für unmöglich halte und werde dadurch offen für viele "Unmöglichkeiten". Daraus ergeben sich dann ständig neue Möglichkeiten. |
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| vitavegetare: |
Oft ist die Rede davon, dass man bei rohköstlicher Ernährung einen Mangel an Vitamin B12 bekommen kann. Wie ist Deine Meinung hierzu oder sorgst Du vor, z.B. durch die Einnahme von Zusatzpräparaten? |
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| Stefan Hiene Darüber mache ich mir zwar Gedanken und auch in diesem Bereich experimentiere ich, aber ich habe keine Angst. Denn Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ich informiere mich regelmäßig bei erfahrenen Naturärzten und Heilpraktikern und ich überprüfe auch meine Blut- und Urinwerte. Interessanterweise zieht sich der B12-Mangel übrigens durch die gesamte Bevölkerung. Mineralstoff-, Vitamin- und Spurenelementemangel ist ein großes Thema für alle, die sich einseitig ernähren. Man kann bestimmt auch bei der rohköstlichen Ernährung Fehler machen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür nimmt bei der Rohkost deutlich ab. |
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| vitavegetare: |
Du greifst auch auf Smoothies zurück. Wie mixt Du Dir diese, dass es für Dich optimal ist? |
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Stefan Hiene Ich experimentiere ständig. Das ist die Grundvoraussetzung, um die richtige Nährstoffstrategie zu finden. Ein Rezept, das wir beim 12 Stunden Rennen in Todtnauberg erfolgreich getestet haben, waren Wildkräuter, Kokosnusssaft, Melone, Gurke und Quellwasser. Die Wildkräuter kamen frisch von der Wiese und der Kokosnusssaft aus einer jungen Kokosnuss. Die ZDF-Reportage über dieses Rennen ist online abrufbar. Der Link steht unter http://blog.rawpower.de/2009/09/18/zdf-reportage-uber-raw-power.
Auf meinem Blog http://blog.rawpower.de schreibe ich auch immer wieder über aktuelle Entwicklungen und neue Rezepte. Außerdem habe ich einen kleinen Geheimtipp, den ich allen, die meinen Newsletter abonnieren, gerne zuschicke. Dazu bitte einfach unter http://blog.rawpower.de/newsletter eintragen und noch einmal eine gesonderte E-Mail an stefan@rawpower.de mit dem Betreff "Nährstoffstrategie" schicken. |
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| vitavegetare: |
Du bist der Initiator der Potluck-Gruppe bei XING. Was ist die Idee hinter dieser Gruppe und was sind Deine Ziele? |
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| Stefan Hiene, Foto: Thorsten Jochim |
Stefan Hiene In Gesellschaft zu essen ist nicht nur ein kulturelles Ritual, es macht auch Spaß, seinen Genuss und seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Für viele Menschen ist Rohkost eine geheimnisumwobene, schwer verständliche Sache. Mit der Hilfe von Potlucks kann vegetarisches, veganes und rohes Essen selbstverständlich werden. Es ist aber auch eine tolle Möglichkeit, für skeptische Menschen, rohköstliche Gerichte aus reiner Neugier zu probieren.
Um die Rohkosterfahrung genießen zu können muss man kein Rohköstler sein. Die ganze Rohkostbewegung wird derzeit viel herzlicher und offener für Menschen, die die Rohkost einfach nur mal ausprobieren möchten und sich nicht festlegen wollen. So bietet ein Potluck auch die Möglichkeit um zwischen den Welten zu wandeln.
Außerdem ist die Potluck-Gruppe auch eine Art Keimzelle für Selbstversuche und Ernährungsexperimente, die von der Rohkost-Gemeinschaft unterstützt und begleitet werden.
Der Link zur Potluck-Gruppe lautet http://www.xing.com/net/potluck. |
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| vitavegetare: |
Wie siehst du die Entwicklung der Rohkost in den kommenden Jahren und was wünscht Du Dir für die Zukunft für die Rohkost-Szene? |
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Stefan Hiene Die positiven Seiten der Rohkost sind für diejenigen, die sie ausprobieren und die notwendige Geduld bei der Umstellung mitbringen, nicht zu übersehen und auch das Umfeld merkt die erstaunlichen Veränderungen. Da uns alle die Suche nach der Wahrheit antreibt, gehe ich davon aus, dass die Menschen in einigen Jahren ihre eigenen Ärzte sein werden und Rohkost eine Selbstverständlichkeit ist.
Ich wünsche mir deshalb viele freundliche, gut gelaunte, tolerante, aufgeschlossene, mutige und wohlgesonnene Menschen, die gemeinsam das Geheimnis des Lebens und der rohen Pflanzennahrung feiern! Und natürlich viele Besucher auf meinem Blog http://blog.rawpower.de ... :-) |
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| vitavegetare: |
Vielen Dank für das Interview - und für Deine Zukunft alles Gute und viel Erfolg. |
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Weitere Informationen:
www.rawpower.de
Text: © vitavegetare.de, Bildmaterial: © Stefan Hiene
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